Gleichstellung – die ‚verpasste‘ Revolution? 

Gleichstellung in Wissenschaft und Hochschule – die ‚verpasste‘ Revolution? 

Sabine Schäfer (Universität Bielefeld)

Als Gender Mainstreaming als die Strategie für die Gleichstellung von Frauen und Männern in Wissenschaft und Hochschulen um das Jahr 2000 eingeführt wurde, galt es als „ein revolutionärer und transformativer Ansatz“ (Woodward 2004: 86). Ein wichtiger Grund dafür war die Absicht, im Rahmen der Verfahren von Gender Mainstreaming die oberen Hierarchieebenen in Organisationen in die Pflicht zu nehmen. Die Verantwortung für die Umsetzung der Gleichstellung von Frauen und Männern sollte nicht mehr wie bisher bei Frauenpolitikerinnen und Gleichstellungsbeauftragten liegen, sondern Gleichstellung sollte zur Chefsache werden. Bis dahin beruhte die Gleichstellungspolitik weitgehend auf einem Bottom-up-Ansatz, der sich vor allem aus den Aktivitäten von Frauenbewegung und -politik speiste. Im Gender Mainstreaming wurde aber ein Top-down-Ansatz eingeführt, der die Gleichstellungspolitik revolutionieren sollte und die Transformation der Organisationsstrukturen in Wissenschaft und Hochschulen in Richtung von mehr Geschlechtergerechtigkeit von innen, von oben und quasi von selbst herbeiführen sollte. Revolution und Transformation scheinen sich also auf unterschiedliche Akteur*innen zu beziehen: die Revolution auf die Gleichstellungspolitik, die Transformation auf die wissenschaftlichen Institutionen und deren Verfahrensweisen. Es hat seitdem ohne Zweifel Fortschritte in der Gleichstellung von Frauen und Männern gegeben, die sich z.B. am steigenden Frauenanteil an Professuren ablesen lassen. Die Frage ist, ob uns das reicht oder ob wir da nicht eine Revolution verpassen.

Dies ist gar nicht unbedingt ein Problem für die Gleichstellung, die im gegebenen institutionellen Rahmen derzeit ja gut funktioniert. Es ist vielmehr die Wissenschaft selbst, die gute Gelegenheiten verpasst, sich weiter zu entwickeln. So unterschiedliche Wissenschaftsphilosophen wie Alfred North Whitehead und Paul Feyerabend haben schon vor Jahrzehnten darauf hingewiesen, dass die Vielfalt von Perspektiven die unverzichtbare Grundlage für wissenschaftlichen Fortschritt bildet. Studien zeigen aber, dass nach wie vor unter dem wissenschaftlichen Personal nur eine geringe Vielfalt im Hinblick auf Strukturkategorien wie Geschlecht, familialem Hintergrund und Migrationserfahrung vorhanden ist. Dass die Wissenschaft sich nicht gegen gesellschaftliche Einflüsse immunisiert, sondern sich öffnet für eine Vielfalt von Erfahrungen und Perspektiven unter den Forschenden, ist gar nicht in erster Linie eine Frage der Gleichstellung von Frauen und Männern. Es ist eine Notwendigkeit, um den Prozess der Wissensproduktion überhaupt am Laufen zu halten. Die Sozialwissenschaften sind vielleicht am ehesten geeignet herauszufinden, wie eine solche Revolution aussehen könnte.

Literatur

Woodward, Alison 2004: Gender Mainstreaming als Instrument zur Innovation von Institutionen. In: Meuser, Michael/Neusüß, Claudia: Gender Mainstreaming. Konzepte, Handlungsfelder, Instrumente. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, S. 86-102.

 

 

 

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