DGS-Kongress: Berlin – Metropole einer transnationalen Soziologie?

Berlin – Metropole einer transnationalen Soziologie?

Nicole Holzhauser1, Stephan Moebius2, 1Technische Universität Braunschweig, Deutschland; 2Karl-Franzens-Universität Graz

Berlin ist eine Metropole. In ihr und aus ihr heraus überschreiten Menschen, Kulturen, Institutionen und Ideen nationale bzw. politische, soziale, kulturelle, wirtschaftliche und wissenschaftliche Grenzen. Seit den Anfängen des Faches in Deutschland ist Berlin fraglos ein akademisches Zentrum transnationaler Soziologie mit Einflüssen und Auswirkungen auch auf zahlreiche andere Orte, Personen, Institutionen und Ideen.

Hier lebten und arbeiteten international vernetzte und transnational mobile Soziolog*innen verschiedenster Nationalitäten. Berlin war Geburtsstadt und (verlorene/neugewonnene) Heimat, Studien- und Arbeitsort, Reiseziel und Abenteuer, Ausgangsort oder Ziel akademischer (Im- oder E-)Migration für zahlreiche heute noch bekannte oder längst in Vergessenheit geratene Sozialwissenschaftler*innen. Und, Berlin selbst war über Jahrzehnte hinweg Teil zweier deutscher Staaten.

In unserem Beitrag wollen wir zunächst den Begriff der transnationalen Metropole theoretisch erörtern, diesen anschließend anhand von ausgewählten Beispielen in seinen Facetten illustrieren und in die Soziologiegeschichte einbetten.


Georg Simmel in Berlin. Fremdheit als Heimat

Hans-Peter Müller, Humboldt-Universität Berlin, Deutschland

Wer mit solch radikaler Kritik aus der Position eines Außenseiters die gesamte akademische Welt angreift, braucht eine gute Rüstung. Simmel, gebürtiger Berliner, der sich im urbanen Raum wie ein Fisch im Wasser bewegt und Kontakt mit allen Schichten („die Blumenmädchen“) hat, engagiert über Prostitution schreibt und heimlicher Sozialdemokrat ist, schlüpft in die Rolle des Fremden in seiner Heimat. D.h. auf der Vorderbühne gibt er den glänzenden Philosophen, dessen Vorlesungen ganz Berlin anlocken, um anschließend auf die Hinterbühne seiner privaten Existenz zu verschwinden, von der so gut wie nichts bekannt wird. Genau dieses Geheimnis und diese Geheimniskrämerei erlauben ihm zu überleben. Chronische berufliche Erfolglosigkeit und akademische Exzellenz hätte sich anders weder aushalten lassen noch wären sie gesellschaftlich und akademisch akzeptiert worden. Nur in der Maske der Fremdheit als Heimat, so die These, konnte Simmel in Berlin leben und wirken. Diese These wird in drei Schritten entfaltet: Zunächst wird der junge Simmel vorgeführt, der aufsehenerregenden Erfolg mit überaus kritischer Rezeption zugleich erringt. Bekannt und verfemt: Philosophe maudit. Sodann wird Simmels Lebensführung beleuchtet, soweit das angesichts der spärlichen Quellenlage möglich wird. Mobile Refugien in der Weite der Großstadt, wechselnde Wohnsitze je nach Miet- und Schatullenlage. Schließlich wird anhand seiner vorrangigen Themen (Großstadt, Prostitution, Geselligkeit, Geheimnis, der Fremde) gezeigt, wie er seine persönliche Existenz philosophisch, soziologisch und psychologisch möglich macht. De te fabula narratur!


Exilsoziologie – Die Emigration deutscher Soziologie in die USA als Motor der historischen Soziologie. Das Beispiel des Berliner Soziologen Reinhard Bendix.

Peter Fischer, TU Dresden, Deutschland

Am Beispiel des in Berlin geborenen Soziologen Reinhard Bendix soll zum einen die Bedeutung der Stadt als transnationale Sozialisationsinstanz für Kultur und Wissenschaft diskutiert werden, zum anderen steht die Wirkung von Bendix für die Etablierung und Institutionalisierung der Historischen Soziologie in den USA zur Debatte.


Women of Courage und das Saatbeet von Autonomie in der Moderne: Zum transnationalen Einfluß von Kulturen auf die Sozialstruktur im Werk von Rose Laub Coser

Barbara Hönig, Universität Graz, Österreich

Rose Laub Coser zählt zu den erfolgreichsten Soziologinnen ihrer Generation. In Berlin 1916 geboren, das sie 1923 verließ und 1939 ins Exil nach New York ging, war Coser mit vielen kulturellen Welten und Sprachen vertraut. Obwohl sie überwiegend in den Vereinigten Staaten lebte, manifestierte sich der transnationale Einfluß Berlins in ihrem Werk. Begrifflich-theoretisch trifft dies auf ihre Auseinandersetzung mit der Soziologie Georg Simmels zu, der Bedeutung von „Streit“, Konflikt und Ambivalenz für Individualisierung, die in ihrem Theorem der Komplexität sozialer Rollen als Saatbeet von Autonomie zum Ausdruck kommt. Empirisch beeinflußte die Erfahrung mehrfacher Emigration ihre Untersuchung des sozialen Lebens der Women of Courage, osteuropäischer und italienischer Migrantinnen in der Metropole New York, und ihre vergleichenden Arbeiten zur Familie und zum Aufstieg von Frauen in der Arbeitswelt.

Der Beitrag betont die eigenständige Theorieentwicklung Cosers in der strukturtheoretischen Tradition. Sie erforscht soziale Konsequenzen vielfältiger Gruppenzugehörigkeiten, deren Bedingungen in der Struktur der Moderne und vermag kulturvergleichend die Reichweite der Komplexität sozialer Rollen zu zeigen. Geschlechtslosen, kulturlosen Bildern von Migration setzt sie die Women of Courage als aktiven Akteurinnen entgegen und ermöglicht Einsichten zum Einfluß kultureller Faktoren auf die Sozialstruktur. Das kulturelle Mandat von Frauen auf die „gierige Gemeinschaft“ Familie hin sozialisiert zu werden, bietet begrenzte Artikulationsmöglichkeiten sozialer Rollen und schränkt ihre Autonomie als Individuen ein. Trotz entfremdender, anomischer Folgen von Rollenkomplexität schätzt Coser deren befreiendes Potential letztlich höher ein. Dies mag durch ihre eigene Erfahrung der Immigration, als Soziologin und als politische Aktivistin in der sozialistischen Frauenbewegung, beeinflußt sein. Women of Courage basiert auf 100 qualitativen Interviews mit Frauen, die Anfang der 1920er Jahre von Europa nach New York migriert waren. Die Geschichten der Women of Courage zeigen, wie sich Kulturen historisch wandeln und erweitern und wie jene Frauen ihr Leben dort sechzig Jahre lang verstanden.

Interessant zum Thema siehe auch die Ad-hoc Gruppe „Die Großstädte und das Geistesleben