DGS-Kongress: Die Großstädte und das Geistesleben (ad-hoc-Gruppe)

Soziologie der Maske

Ruth Ayaß, Universität Bielefeld, Deutschland

Der vorliegende Beitrag diskutiert, welchen Transformationen die städtische Interaktion durch die Corona-Krise unterworfen ist. Durch die Schließung von Betrieben, Schulen, Geschäften, Restaurants, Bars etc. kam das „bunte Durcheinander des großstädtischen Verkehrs“ und „das Aneinander-Gedrängt-sein“ der Individuen in der Stadt, das Simmel unter anderem in der „Philosophie des Geldes“ beschrieb, zunächst fast vollständig zum Erliegen. Die Rückkehr städtischen Lebens erfolgte schrittweise und unterlag neuen Regeln und Anforderungen. Eine einschneidende Veränderung erbrachte die Maskenpflicht.

Die Maske ist für eine Diskussion der gegenwärtigen Begegnungsformen in der Stadt aus einer Simmel‘schen Perspektive ein herausragendes Beispiel. Sie kann zunächst als ein weiteres Mittel des Großstädters verstanden werden, seiner Reserviertheit Ausdruck zu verleihen. Das Requisit Maske trägt insofern der großstädtischen Blasiertheit zusätzlich Rechnung, als sich Regungen des Gemüts, Affekte und Emotion, unter ihr verbergen lassen. Zugleich aber verbergen sie zu viel: Da die Masken die untere Hälfte des Gesichts vollständig abdecken, fehlen nun in der Begegnung wesentliche Ressourcen zum Verstehen des anderen, die vor kurzem noch zur Verfügung standen. Simmel betont (im Exkurs über die „Soziologie der Sinne“) nachdrücklich die „Ausdrucksbedeutung des Antlitzes“. Für die Interaktion in der Stadt stellt es ein wesentliches Problem dar, wenn durch die Pflicht, Masken zu tragen, gerade in flüchtigen Begegnungen die Ressourcen eingeschränkt sind, welche ermöglichen, die Handlungen und Intentionen des anderen zu verstehen.

Die exponierte Position der Maske macht sie aber auch zur Ausdrucksfläche, da sie Aufmerksamkeit auf sich zieht. Wo die Ausdrucksmöglichkeit des Gesichts eingeschränkt ist, wird die Maske zum individuellen Ausdrucksmittel. Ihre stoffliche Beschaffenheit, ihre routinierte oder unprofessionelle Verwendung etc. geben Auskunft über ihren Träger. Zudem kann die Maske als modisches Element verwendet werden. Die zentrale Position der Maske mitten im Gesicht ermöglicht schließlich sogar ihre Verwendung als politischen oder kommerziellen Zeichenträger. Der Mensch benutzt dann nicht „Mode als eine Maske“ (Simmel), sondern die Maske als eine Mode (bzw. die Maske als eine Maske).


“Metropolis as the ‘World of Stranger’: Georg Simmel’s Contributions to the Sociological Discourse of Modern Stranger”

Tsuyoshi Tokuda, Otani University, Japan

Georg Simmel has been noticed in Japan as the key-sociologist of formal sociology, urban sociology, postmodern sociology, the sociology of art and so on. Recently, he is mentioned as a pioneer of the sociology of space with reference to J. Urry’s high valuation to Simmel’s texts on space. In my study about the sociological discourse of the stranger, I have located his text “the metropolis and mental life” as one of the most important pieces about sociological study of the stranger.

In “the metropolis and mental life”, Simmel has considered about the basic characteristics of the urban life, mentality and social relations of city dwellers. According to this text, key concepts of urban life are the fluidity and the objectivity, and such concepts are important ideas enable to live with enormous strangers as neighbors in the metropolis. Money economy, clock time, spacial regularity of the streets and buildings, mentality of the coolness, indifference to other people, malaise to stimulus in daily life are typical in such lifestyle.

From the point of view on Simmel’s discourses of the stranger, his excurse about the stranger (Excurse ueber der Fremde) in his Soziologie Chap. 9 must be located as a masterpiece. But in this text, Simmel has mentioned about the stranger typical in the pre-modern society. He has shown the type of stranger as the minority in the host society with reference on the examples of medieval Judish people in the Christian Society, foreign judge of the city state’s court in medieval Italy and so on. But Simmel has introduced no example in the modern era or the lifestyle in metropolis in this text.

In my presentation, I would like to emphasize that the image of the new type of stranger has been shown in “the metropolis and mental life”. In the modern urban life, almost all people are anonymous and unfamiliar with each other, and the strangeness is not an exceptional, but a typical feature and “a part of lifestyle” for city dwellers. Such view of modern life in metropolis suggests some important concepts of sociology, for example, “the marginal man” and “social distance”(R.E. Park), “civic inattention”(E.Goffman), “the world of strangers”(L. Lofland) , “liquid modernity”(Z. Bauman) and “mobile lives”(J. Urry) .


„Warum kaufst du am Chemnitzer Platz?“ – „Wir wohnten früher dort“. Stadtwahrnehmungen von Ausgeschlossenen

Elisabeth Pönisch, Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Deutschland

Als Victor Klemperer mit seiner Frau Eva gezwungen wurde, sein Haus zu verkaufen und in ein „Judenhaus“ nahe der Dresdner Innenstadt zu ziehen, fuhr er, obwohl sein neuer Wohnort weit von seinem alten entfernt war, fast täglich in sein altes Viertel, um dort gewohnte Erledigungen zu tätigen, frühere Nachbarn zu besuchen oder in gewohnten Straßen zu spazieren. Seine Reflektionen über die täglichen Veränderungen in der Stadt und wie die Stadtbevölkerung auf ihn als „Sternträger“ reagierte, gewähren einen Einblick in die Stadtimpressionen eines Ausgeschlossenen.

In diesem Beitrag werfe ich einen Blick auf die veränderte Stadtwahrnehmung aus der Perspektive derjenigen, die schrittweise aus der Stadt ausgeschlossen wurden. Dabei ist dieser Prozess der Exklusion selbst dynamisch und verändert das Verhältnis der Ausgeschlossenen zu ihrer Stadt grundlegend. Durch die Kennzeichnung verlor der Ausgeschlossene die großstädtische Anonymität. Dies äußerte sich deutlich in einer veränderten Mobilität und der eigenen Verortung im städtischen Gefüge. Das veränderte Verhalten in der Stadt ist wohl am besten mit dem Begriff der Taktik von Michel de Certeau zu beschreiben.

Im Mittelpunkt dieses Beitrages steht zum einen die Frage, wie sich eine Stadt verändert, die systematisch eine Bevölkerungsgruppe ausschließt. Dabei werden vor allem raumtheoretische Fragen diskutiert und gezeigt, wie sich Wege und das Sich-Bewegen zwischen Orten in der Stadt durch die Exklusion veränderten.

Ein zweiter Komplex ist auf die Frage nach der individuellen Stadtwahrnehmung der Ausgeschlossenen gerichtet. Nach Walter Benjamin kann das Flanieren gewissermaßen als Kunst gesehen werden, um sich Orte zu erschließen. Meines Erachtens genügt es nicht, auf der phänomenologischen Stufe stehenzubleiben. Vielmehr möchte ich mit Michel de Certeau Überlegungen anstellen, die durch die Kombination von Raumerfahrung und Bewegung Erkenntnisse über den dreidimensionalen Raum zulassen. In meinen Überlegungen orientiere ich mich an seinem bekannten Aufsatz Gehen in der Stadt (1980) und an Georg Simmels Aufsatz zur Großstadt (1903).

All dies zeige ich anhand einer Analyse von Tagebuchaufzeichnungen, Erinnerungsbüchern und Briefwechseln aus den vier Großstädten Hamburg, Dresden, Leipzig und Breslau. Zusätzlich werden biographische Interviews, Filmmaterial und Bilder die Datengrundlage vervollständigen.


Von der Soziologie der Großstadt zur großstädtischen Soziologie. Zur Rezeption Georg Simmels in Chicago

Julian Müller, Philipps Universität Marburg, Deutschland

„Why go to the North Pole or climb Everest for adventure when we have Chicago?“, soll Robert E. Park, Impresario der Chicago School of Sociology, einst behauptet haben. Dass dieser Satz ohne den Einfluss von Georg Simmels „Die Großstädte und das Geistesleben“ so wohl nie formuliert worden wäre, ist kein Geheimnis. Park ging es jedoch nicht so sehr um einen soziologischen Zugang zur Stadt, sondern viel radikaler um eine Soziologie, deren eigene Instrumente und Kategorien der Erfahrung großstädtischen Zusammenlebens erwachsen sind – wenn man so will, ging es Park also um eine Soziologie aus der Stadt heraus. Das Leben in der Großstadt wird dabei als „ewiges Fließen und Pulsieren“ (Simmel) verstanden, das von seinen Beobachterinnen ein gut abgewogenes Verhältnis von Nähe und Distanz verlangt. Soziologie aus der Stadt heraus zu betreiben, heißt daher also immer auch, bis zu einem gewissen Grad unbeeindruckt und amoralisch zu werden. Denn die Stadt ist weit mehr als nur eine Siedlungsform mit entsprechend großer Einwohnerzahl, die Stadt zeigt sich in erster Linie an dem fortschreitenden Prozess innerer Urbanisierung, also ganz im Sinne Simmels an einem „Way of Life“ (Louis Wirth). Es gilt daher einmal jenen Spuren nachzugehen, die von Georg Simmels „Die Großstädte und das Geistesleben“ nach Chicago führen. An ihnen wird deutlich, dass die Großstadt mehr als nur ein Thema für die Soziologie war und ist. Die Großstadt ist vielmehr jene grundlegende Bedingung eines spezifisch soziologischen Blicks, der mit Unbekanntem und Ungewohntem rechnen kann und trainiert hat, sich für Fremdheit und Exzentrizität zu interessieren, ohne diese als Bedrohung wahrnehmen zu müssen. Die Chicagoer Rezeption muss daher als wesentlicher Bestandteil von „Die Großstädte und das Geistesleben“ verstanden werden. Durch sie erst wurde aus einer Soziologie der Großstadt eine großstädtische Soziologie.