DGS-Kongress: Panel Gesellschaftliche Spannungen

Sektion Soziologiegeschichte auf dem DGS-Kongress 2020

Gesellschaftliche Spannungen als historische Motoren der Soziologie 

Gesellschaftliche Steuerungsfiktionen und die Rolle der Soziologie

Victoria v. Groddeck, LMU München, Deutschland

Ich werde die Frage, wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen die Entwicklung der Soziologie als Disziplin beeinflusst haben, an den Ergebnissen einer von mir durchgeführten empirischen Studie diskutieren. Ziel dieser Studie ist es, den Wandel von Steuerungsfiktionen in der modernen Gesellschaft nachzuzeichnen. Die Soziologie wird dabei selbst zum empirischen Fall und mit anderen Diskursbereichen der Gesellschaft (hier: der westlichen Managementdiskurses einerseits und historischen Dokumenten von Organisationen anderseits) kontrastiert. Ich kann so 4 unterschiedliche Steuerungsfiktionen rekonstruieren: 1. Suche nach Regelmäßigkeiten angesichts gesellschaftlicher Dynamik, 2. Reformierbarkeit einer (relativ) stabilen Gesellschaft, 3. Selbsttransformation ohne determinierende Steuerungsmöglichkeiten, 4. Komplexitätssensible Steuerung. Diese Fiktionen lassen sich in allen drei Fällen beobachten, entwickeln sich historisch sukzessive, überlagern sich zeitlich und bilden spezifische, eigenbezügliche Differenzierungen aus. Gleichzeitig kann ich auch zeigen, dass bestimmte Verweise, wie beispielsweise auf technische und mediale Innovationen, in den unterschiedlichen Diskursfeldern unterschiedlich dominant sind. So beginnt die reflexive Auseinandersetzung mit Digitalität im Kontext von Steuerungsfragen im management-philosophischen Diskurs deutlich früher als in der Soziologie.

Anhand dieser Beobachtungen werde ich die Rolle der Soziologie als empirische (und theoretische) Ressource für die Beobachtung gesellschaftlicher Transformationen diskutieren. Dabei geht es mir einerseits darum, die Soziologie als einen Bereich gesellschaftlicher Selbstbeschreibung zu verorten, der zwangsläufig in Wechselwirkung mit anderen gesellschaftlichen Praxen steht und (zunehmend?) kein Primat für Wissensorientierung in Bezug auf gesellschaftliche Steuerungsfragen darstellt, aber dennoch zeitlich versetzt eine synoptische, übersetzende Funktion über gesellschaftliche Bereiche hinweg inne hat. Dies gilt es zu beachten, wenn um die Rolle der Soziologie in der Zukunft gerungen wird.


Die Erschließung der Zukunft: Unsicherheit als Motor der Sozialwissenschaften

Christian Dayé, TU Graz, Österreich

Wenngleich die sozialwissenschaftliche Zukunftsforschung sich aus einer Vielzahl von Quellen speist, deren Ursprung zum Großteil in Europa liegt, führten erst jene Initiativen, die während des beginnenden Kalten Kriegs in den USA unternommen wurde, zur Konsolidierung der zuvor verstreuten Versuche und zur Etablierung eines wissenschaftlichen Felds. Das ist kein Zufall: Die Angst vor einem globalen Nuklearkrieg machte die Zukunft zu einem unsicheren Ort, und „Zukunftswissen“ gewann als Strategie der Bewältigung dieser Unsicherheit an Bedeutung.

Derartige Phasen weit verbreiteter Unsicherheit führen, das zeigt ein Blick in die Geschichte, auch zum Erstarken einer bestimmten Sozialform, jener des Experten bzw. der Expertin. Die an Expert*innen gerichteten Hoffnungen wirken aus der – historischen, sozialen, epistemologischen etc. – Distanz zum Teil übertrieben. Dennoch beeinflussen sie, wie ich in einem ersten Schritt zeigen möchte, maßgeblich jene Methoden und Techniken, mit denen die sozialwissenschaftliche Forschung versucht, die Unsicherheit systematisch zu bändigen (vgl. Dayé 2020). Ich werde argumentieren, dass die in sie gerichteten Hoffnungen die sozialwissenschaftlichen Zukunftsforscher dazu brachten, schnelle und unreflektiert handlungsanleitende Ergebnisse höher zu bewerten als deren methodologische Stabilität.

Indem sie auch die Nachfrage nach sozialwissenschaftlicher Expertise erhöhen, wirken Phasen kultureller oder gesellschaftlicher Unsicherheit jedenfalls als Motor der Sozialwissenschaften. In einem anschließenden zweiten Schritt möchte ich mich der Frage zuwenden, in welche Richtung uns der Motor treibt, und zwar auch in der aktuellen Pandemie. Auch wenn ich mich vorrangig auf die Soziologie beziehen werde, werde die These vertreten, dass er uns in Richtung einer weiteren intellektuellen Aushöhlung der sozialwissenschaftlichen Disziplinen führen wird; ein Prozess, der in unterschiedlichen Kontexten schon unterschiedlich weit gediehen ist, der aber Diagnosen eines kommenden Endes der Soziologie (vgl. Vandenberghe & Fuchs 2019) durchaus plausibel erscheinen lässt.

Dayé, C. 2020. Experts, Social Scientists, and Techniques of Prognosis in Cold War America. Cham (CH): Palgrave Macmillan.

Vandenberghe, F., und S. Fuchs. 2019. „On the Coming End of Sociology“. Canadian Review of Sociology/Revue Canadienne de Sociologie 56(1):138–43.


Über die Geburtsstunde eines soziologischen „Klassikers“ – die theologische Kritik an Durkheims ‚Elementaren Formen‘ im Kontext historischer Debatten

Franziska Voss, Humboldt-Universität Berlin, Deutschland

Émile Durkheims ‚Elementare Formen‘ von 1912 gilt heute zweifellos als „Klassiker“ der Religionssoziologie, doch die kritische Rezeption des Werks findet in der Sekundärliteratur nur wenig Betrachtung (vgl. Pickering 2008). Das begründet sich auch darin, dass soziologische „Klassiker“ im Prozess der Kanonbildung nicht mehr primär als historische Debattenbeiträge, sondern oftmals zugunsten eines übergreifenden Narratives interpretiert werden (vgl. Baehr 2017). Eine konsequente Rückführung der „klassischen Texte“ in ihre intellektuellen Kontexte ermöglicht demnach sowohl ein eingehenderes Textverständnis als auch eine Reflexion über die soziologiegeschichtliche Kanonbildung – wie die ‚Elementaren Formen‘ beispielhaft zeigen. Bei der Aufarbeitung deren Rezeption durch Zeitgenossen verdient die theologische Kritik besondere Betrachtung. So ist Durkheims Studie doch bewusst als wissenschaftlicher Schlag gegen traditionelle Religionsverständnisse gedacht und ein gezielter Beitrag zu den aufgeheizten Diskussionen über neue Ansätze der Religionsforschung, die den französischen Wissenschaftskontext zu Beginn des 20. Jahrhunderts prägen. Die kritischen Auseinandersetzungen der Theologen mit dem Werk bilden diese Dispute über die Deutungshoheiten innerhalb der Religionsforschung verdichtet ab und liefern so wichtige Einblicke in den Entstehungskontext. In dem Paper wird diese theologische Kritik anhand ausgewählter Beiträge katholischer Autoren beispielhaft nachgezeichnet. Dafür wird schwerpunktmäßig die Buchdiskussion auf der Sitzung der ‚Société française de philosophie‘ in den Blick genommen, in der sich Durkheim u.a. mit den Einwänden von Jules Lachelier, Édouard Le Roy und Lucien Laberthonnière auseinandersetzt. Die hier dargebrachten Argumente werden hinsichtlich ihrer Darstellung grundsätzlicher Differenzen zwischen theologischen und soziologischen Religionsverständnissen untersucht und vor dem Hintergrund historischer Debatten analysiert. Dabei wird auch die beidseitige Konkurrenzhaltung deutlich, die das Verhältnis der Disziplinen nachhaltig prägt (vgl. Martin et al 1980). In diesem Sinne lassen sich in der theologischen Kritik des „Klassikers“ nicht nur Einblicke in die Debatten zur Gründungsstunde der französischen Soziologie, sondern auch Anstöße zur Reflektion über das gegenwärtige Verhältnis der Religionssoziologie mit benachbarten Disziplinen gewinnen.


Von der Kunst, nicht eingespannt zu werden. Plessner, Adorno und die Fähigkeit zur Distanz

Christian Marty, Universität Zürich, Schweiz

Während die Forschung abermals betont hat, dass zwischen Helmuth Plessner und Theodor W. Adorno erhebliche Differenzen beständen, wird im geplanten Vortrag aufgezeigt, dass sich die die Gelehrten zumindest bei zwei Themengebieten einig sind: Erstens sind sie der Auffassung, dass die westeuropäische Gesellschaft des 20. Jahrhunderts von erheblichen Spannungen geprägt ist; zweitens sind sie der Ansicht, dass man sich von diesen nur durch eine Distanzierung lösen kann.

Im geplanten Vortrag wird also dargelegt, dass zwei namhafte Soziologen auf das Problem der Spannung mit einer Forderung nach Distanz reagieren – allein durch eine pathetische Distanz vom Polit-, Wirtschafts- oder Universitätsbetrieb, so das in dieser Hinsicht entscheidende Argument von Helmuth Plessner und Theodor W. Adorno, besteht die Möglichkeit, sich von den Spannungen in diesen Betrieben wenigstens ansatzweise zu lösen (allein Distanz verhindert, befinden Plessner und Adorno, dass man eingespannt wird).

Unter Bezugnahme auf eine Vielzahl von Quellen – neben den Hauptwerken der besagten Figuren sollen auch Briefe, Notizen und Vorlesungsschriften zur Sprache gebracht werden – seien drei Schritte gemacht: Im ersten Schritt soll nachgezeichnet werden, welche Spannungen für die Denker ein besonders schwerwiegendes Problem darstellen. Im zweiten Schritt soll skizziert werden, welche Distanzformen für die Denker eine besonders geeignete Lösung repräsentieren. Und im dritten Schritt sollen jene Ausführungen, welche die zwei Soziologen zum in Rede stehenden Thema vorbringen, historisiert werden, wobei sich illustrieren lässt, dass sie diese Ausführungen – im Anschluss an die berühmt-berüchtigten Erläuterungen Nietzsches zum Pathos der Distanz tätigen.